Zerstörte Illusionen
 Nur das Leben selbst schreibt die wahren Geschichten   

Mein Leben heute

Und die Zeit heilt doch keine Wunden …

Inzwischen sind fast neun Jahre ohne jeglichen Kontakt zu meinem Sohn vergangen. Schlimme und schmerzhafte Jahre. Jahre voller Ungewissheit, voller Sehnsucht, voller Zweifel. 

Denn ich weiß nichts mehr von ihm, nicht wo er wohnt, ob er gesund ist, wie er lebt, was er denkt. War es anfangs unerträglich für mich, hat dieses "Nichtmehrwissen" nach dieser langen Zeit tatsächlich auch etwas Gutes. Ich kann mir um ihn keine Sorgen mehr machen.

Bis heute bleiben mir sein Handeln, seine Empathielosigkeit und seine Kälte ein Rätsel. Und ja, es tut auch heute immer noch weh. Wir hatten eine sehr lange Zeit ein liebevolles, enges und vertrautes Verhältnis. Zumindest habe ich es immer so empfunden. Ich war mir sicher, dass wir immer und zu jeder Zeit über alles reden könnten, füreinander da sein würden. Das war ein großer und sehr schmerzlicher Irrtum von mir.  Was hatte ich in seinen Augen nur falsch gemacht? Viele Jahre stellte ich mir diese Frage, immer und immer wieder.

Natürlich weiß ich schon, dass fast alle Menschen glauben, nur allein die Eltern machen Fehler, nur sie können an derartigen Kontaktabbrüchen „schuld“ sein. Niemals würde doch ein erwachsenes Kind diesen Schritt ohne einen triftigen Grund machen. Davon felsenfest überzeugt, verbreiten sie ihr Halbwissen. Es steht also fest, in ihren Augen sind die Eltern und nur die Eltern die eigentlichen „Täter“.

Wenn es nur so einfach wäre …

Vielleicht mag das bei der einen oder anderen Familie sogar zutreffen und der Kontaktabbruch ist gerechtfertigt, doch es gibt tatsächlich auch noch eine andere Seite, die leider tabuisiert, verdammt und aus Scham verschwiegen wird. 

Den wahren Grund für die totale Trennung werde weder ich noch die vielen anderen verlassenen Eltern wohl jemals erfahren. Denn unsere Kinder reden nicht mit uns, sie geben uns keine Chance über gemeinsame Fehler zu diskutieren und sie zu korrigieren. Sie sind feige, halten sich für unfehlbar, stellen sich nicht den Problemen, laufen lieber davon. Das ist der einfachere und bequeme Weg. Ich glaube sogar, dass diesen "Menschen" die Tragweite ihrer Entscheidung gar nicht bewusst war oder ist.  Und wie kommen sie eigentlich selbst damit zurecht? Kann ein Mensch mit solch einer emotionalen Last noch frei und unbeschwert leben, lachen, lieben?  Für mich ist das nur schwer vorstellbar. 

Fakt aber ist, dass mein Sohn entschieden hat, sein weiteres Leben ohne seine Mutter zu gestalten. Ich muss das akzeptieren, auch wenn sich alles in mir sträubt und es unendlich wehtut. Dass er damit auch unsere Familie zerstört hat, ist ihm vielleicht noch gar nicht bewusst. Dieser Mensch, der mir einmal so unendlich wichtig war, den ich über alles geliebt habe, hat nicht nur mein Leben zerstört, sondern mir auch Familie und Freunde genommen. Ich war sehr tief gefallen, aber nicht liegen geblieben, wie mein Sohn es so gern gesehen hätte. Viele Jahre lang hatte ich die unerschütterliche Hoffnung, dass er irgendwann wieder vor meiner Tür stehen würde und uns beiden die Chance zur Klärung und Aufarbeitung gibt.

Vergebens. Heute warte ich nicht mehr. Ich habe mein Leben zurück und genieße mit meiner Lebenspartnerin die Jahre, die uns beiden noch vergönnt sind. 

Ich denke immer noch ständig an ihn und ja, ich vermisse ihn schmerzlich. Aber ich vermisse nicht den Menschen, zu dem er geworden ist, sondern ich vermisse den Menschen, der er einmal vor vielen Jahren war. 


Ich weine nicht deinetwegen, denn Du bist es nicht wert.

Ich weine, weil meine Vorstellung darüber 

wer Du warst zerstört wurde,

von der Wahrheit, wer Du wirklich bist.

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